Michaela Eichenseer
Andrea Eskau:Eine Powerfrau im Rollstuhl
Andrea Eskau ist querschnittsgelähmt und steht an der Weltspitze der Handbikerinnen. Die bewegende Lebensgeschichte einer echten Kämpfernatur…
»Franni ist sehr pummelig geworden«, plaudert Andrea Eskau. Franni, so hieß ihr Hund, damals 2002. Und da dachte sich die Frau mit den kurzen blonden Haaren, sie könnte sich ja mal so ein Fahrrad kaufen, damit Franni beim Gassi-Fahren abnimmt. Mit ihrem ersten Handbike »verkauft« sie sich gleich mal richtig, beim Köln-Marathon 2002 fällt sie damit nach eigenen Angaben ganz schön auf. »Ich war total aufgeregt«, gesteht sie. Nach ein paar Kilometern zieht sich die Bremse fest, es wird immer schwerer. Dann verliert sie ihre Uhr, muss zurück, um sie wieder einzusammeln. Am Horizont erkennt sie nach etwa zwanzig Kilometern eine Handbikerin und da denkt sie sich: »Die musste jetzt kriegen!«
Mit einer Zeit unter zwei Stunden kurbelt sie nach 42,195 Kilometern auf den dritten Platz. »Das hat mir richtig Spaß gemacht«, schwärmt die heute 36-Jährige. Ein besseres Bike – ihr erstes Kniebike – muss her. Der Durchbruch an die Spitze ist schnell geschafft, bei der EM 2003 rollt sie als Vize-Europameisterin auf das Podest. 2006 wird die Frau, die querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzt, Weltmeisterin im Handbike-Zeitfahren. Als ihren bisher größten sportlichen Erfolg betrachtet sie, dass sie alle City Marathons gewinnen konnte, manche mehrfach. Nun hat sie die Paralympics in Peking im Visier, die 2008 zum ersten Mal auch Frauen im Handbike um Medaillen kämpfen lassen. Ihre Siege sieht sie realistisch: Als nicht-behinderte Sportlerin hätte sie nie die Chance gehabt, zu den Olympischen Spielen zu kommen. Doch eigentlich braucht sie den Erfolg gar nicht, das Handbiken ist für sie schon selbstbelohnend.
»Das ist eines der wenigen Dinge bei Querschnitt, wo man sich nicht eingeschränkt fühlt«, erklärt sie. »Ich fühle mich wie vorher auf dem Rennrad!« Sie war von Kindesbeinen an Leistungssportlerin, hat Leichtathletik, Radsport und schließlich Triathlon gemacht – bis zu ihrem Unfall. Im Handbike habe die Athleten-Sprecherin der deutschen Hand-biker nun das Gefühl, ihre körperliche Leistung wieder 1:1 umsetzen zu können. Auch wenn sie irgendwann keine Wettkämpfe mehr fährt, möchte sie diese Freiheit weiterhin genießen.
Diagnose: Querschnitt
»Auf dem Weg zur Schule im Dezember 1998 bin ich mit dem Rad gestürzt, auf einer Eisplatte ausgerutscht und mit der Lendenwirbelsäule auf die Bordsteinkante gekracht. Der Rücken war gebrochen.« Die Diagnose: Querschnitt. Am Anfang habe sie das völlig verdrängt. Wollte so weiterleben wie zuvor. »Ich war sicher weder ein angenehmer Patient noch für meine Freunde sehr angenehm. Ich war extrem bockig und stur. Wenn jemand zu Besuch ins Krankenhaus kam, hab ich wenig gesagt», erinnert sie sich an die ersten Wochen danach. Als sie ein junger Mann vom Sanitätsdienst fragte, welchen Rollstuhl sie will, antwortete sie mürrisch, das sei ihr »scheißegal«. Sechs Wochen später brachte er ihr einen grellroten Rollstuhl. »Er dachte, das sei poppig. Ich fand das nicht so poppig«, lacht sie heute darüber. Das sei typisch für ihre Laune gewesen. Sie aß wenig und wog bald nur noch 40 Kilo. Nach drei Monaten kam sie nach Hause und wurde ambulant rehabilitativ betreut. Ihr Abitur fertig zu machen, lautete ihr Ziel. Als sie den ersten Tag wieder zur Schule wollte, meinte die Direktorin: »Hier nicht, du wirst hier nicht mehr beschult!« Die Schule sei nicht behindertengerecht und sie müsse an eine Sonderschule wechseln.