Michaela Eichenseer
Ahoi Hoppetosse!Ein Reisebericht aus Schweden
»Hoppetosse volle Kraft voraus!« Lachend deutet Petra mit ausgestrecktem Zeigefinger in den tiefseeblauen Horizont, der sich im Tannengrün der Wälder nördlich von Bengtsfors verliert. Hoppetosse? Meint sie mich damit?
Gerade als ich Einspruch erheben will, holt sie Luft und beginnt singend dreimal drei ist vier zu rechnen. Meine Kanuschwester Petra hat sich in Pippi Langstrumpf verwandelt, unser Kahn in das legendäre Seeräuberschiff von Kapitän Efraim Langstrumpf…
Leise knirschend rutscht der silberne Kanadier über den Sand in die Bucht von Kråkviken. »Så där! So müsst ihr das Paddel halten!« Christers linke Hand umschließt das obere Ende des Paddels wie einen Türknauf, die rechte Hand fasst es rund zehn Zentimeter oberhalb der Schaufel. »Inget problem! No problem!«, ermuntert uns der Outdoor-Schwede mit dem Schnurrbart vom Silverlake Camp nördlich von Bengtsfors. Noch schaut Petra ein wenig skeptisch, der Västra Silen im schwedischen Kanumekka Dalsland ist ihr erster See, den sie im Kanu erobern will. Als wir die blaue wasserdichte Tonne mit Christers Lunchpaket – Nudelsalat und lustige Froschtörtchen aus Marzipan – in die Hoppetosse laden, erinnere ich mich an meine erste Kanutour: Die märchenhaft mäandernde Ilmenau bei Lüneburg entpuppte sich als zu schmal für meinen Steuermann und mich, magisch zog uns das Ufergestrüpp an. Der südliche Västra Silen und der nördliche Svärdlång offerieren uns Anfängern ein breiteres »steuerliches« Übungsterrain. Es ist kurz vor Mittsommer. Der Himmel ist hübsch wölkchenverziert, hier, zwischen der schärenübersäten Westküste und dem Vänernsee. Zeitgleich das Paddel ins Wasser, kraftvoll nach hinten schieben, und wir schießen »so wie Birgit Fischer«, sagt Petra, über den schwarzblauen See, dessen Ufer von Tannen, Birken, Fichten, Buchen gesäumt wird. Tage, Wochen, Monate könnten wir in Dalsland paddeln, ohne dieselben Wasserwege zu nutzen, ohne das Boot lange verlassen zu müssen: Über Hunderte von Kilometern webt sich ein Seen- und Kanalnetz durch die westschwedische Provinz, nur selten unterbrechen kurze Tragepassagen das Paddelvergnügen. Wir sind allein auf »hoher See« – auf der weitläufigen dalsländischen Seenplatte verteilen sich die Kanus vermutlich einfach zu gut. Nur zwei »faule Fischer« in ihren Motorbooten begegnen uns. Mitte August sei das anders, wird uns Christer später erzählen. Wenn der Startschuss zum legendären Kanumarathon fällt, sehe man aus der Vogelperspektive mehr bunte Boote als Wasser.
Prachttaucher-Alarm
»Irgendwie wie in Watte gepackt«, fällt mir auf. Seltsam sicher wie im Zoo durch eine Scheibe beobachten wir die schwedische Wildnis von der Stille des Wassers aus, hoffen darauf, dass ein Elch röhrend am Ufer erscheint, ein Biber vor der Hoppetosse herschwimmt. »Kuck-kluiii! Kuck-kluiii!« Petra und mich hebt es aus den Kunststoff-Sitzen, so dass das silberne Kanu gefährlich ins Wanken gerät. Direkt vor uns durchbrechen zehn, zwölf schwarz-weiß gesprenkelte Vögel die spiegelblanke Wasseroberfläche, peitschen wenige Flügelschläge lang auf die selbst produzierten Wellen ein und fliehen lautstark in alle Richtungen. Unsere hölzernen Ruderschläge haben die Prachttaucher in ihrem Tauchgang gestört, wir selbst sind jäh aus der Trance befreit, die die geruhsame Landschaft der Seen, Felsen und Wälder in uns auslöste. Gerade rechtzeitig, bevor das Wasser seichter wird, felsige Riffe knapp unter der Oberfläche auftauchen. Petra gibt hochkonzentriert Befehle: »Matrose Steuerbord, ein bisschen mehr nach links!« Nur ein einziges Mal schrammen wir leise an einem fiesen Felsen vorbei, und schon patschen unsere Paddel sanft in ein ruhiges Becken, an dessen Ufer wir landen: Eine Straße muss überquert werden, dank Christer keine unlösbare Aufgabe.