Michaela Eichenseer
Zwei Mädels unterwegs in EcuadorTeil 2
Um 5.15 Uhr klingelt der Wecker. Es ist eisig kalt. Ich drehe mich noch mal um. Keine zehn Pferde bringen mich jetzt aus dem warmen Schlafsack, denke ich mir. Aber es hilft wohl nichts, wir müssen aufstehen...
Im Rausch der Höhe
...draußen prasselt der Regen auf das Dach. »Herzlich willkommen, liebe Regenzeit.« Zumindest stellt sich uns die »Was ziehe ich heute an«-Frage nicht. In Gedanken sehe ich mich vor meinem randvoll gefüllten Kleiderschrank zu Hause und dem verzweifelten Gesichtsausdruck, welches Kleidungsstück es heute sein soll … Hier fällt die Wahl leicht, denn mein kleiner Rucksack bietet nur ein Bike-Outfit für kalte, regnerische Tage. An diesem Morgen liebe ich die Einfachheit. Familie Asas ist schon längst auf – ohne Weckerläuten. Sie lachen, als wir beide verschlafen aus der Koje springen. Waren wir vor Kurzem noch so müde, kann uns jetzt nichts mehr halten. Rauf auf die Räder – ein neuer Biketag ruft. Als wir losfahren, hat es bereits wieder aufgehört zu regnen. Die Luft ist rein und duftet frisch. Gleich zu Beginn unserer heutigen Erkundungstour werden wir belohnt mit einem sagenhaften Trail. Wellenförmig windet sich der steile Trampelpfad, den sonst nur die Andenbewohner als Schleichweg nutzen, an den grünen, saftigen Hängen entlang. Am Ende treffen wir auf einen schmalen Schotterweg. Gerade vor uns erhebt sich majestätisch der Chimborazo. Er scheint an diesem Tag unser ewiger Begleiter zu sein. Ich kann mich an ihm einfach nicht satt sehen. Immer wieder wandert mein Blick zum schneebedeckten Gipfel hinauf. Für heute geben wir uns mit dem bloßen Anblick auf den Sechstausender zufrieden. Doch bald wird der Gipfel des Chimborazo rufen.
Expedition Chimborazo
Mein linker kleiner Zeh ist taub. Bei jedem Schritt knirscht der Schnee unter der Schuhsohle. Das Atmen fällt schwer und der Anstieg zwingt uns zu einer Pause. Ein paar Felsbrocken schauen aus dem Schnee hervor. »Hier nicht stehen bleiben«, ermahnen uns unsere Guides, »hier könnten Gletscherspalten sein!« Mir ist mulmig zu Mute. Der Schein meiner Stirnlampe reicht kaum zwei Meter weit. Eingepackt in unzählige Lagen Stoff und ausgerüstet mit Pickel und Steigeisen, schiebt sich unsere kleine Karawane langsam den Berg hinauf. Der Neuschnee macht uns das Leben zur Qual. Tief sinken wir mit unseren Schuhen ein. Eine Stunde nach der anderen vergeht. Die Anzeige der bewältigten Höhenmeter auf unseren Pulsuhren ist Zeuge unseres Schneckentempos. Mir kommt alles so vor wie in einem Film.
Vor ungefähr fünf Stunden hatten wir uns von der letzten Schutzhütte am Chimborazo, der Refugio Whymper auf 5 000 Metern, aufgemacht, um den Gipfel des Chimborazo zu erklimmen. Mittlerweile fehlten nur noch 500 Höhenmeter zum Gipfel auf 6 310 m. Mir ist schlecht und meine Beine wollen nicht mehr weiter. Ich erinnere mich an den Satz meines Dozenten in einer Vorlesung für Trainingslehre: »Das Schlappmachen beginnt im Kopf. Der Körper hat zu diesem Zeitpunkt noch genügend Reserven zum Weiterkämpfen.« Wir kämpfen wirklich. Doch auf 5 920 Metern verlässt uns die letzte Kraft. Nicht einen Schritt weiter können wir gehen. Erste Anzeichen von Höhenkrankheit sind zu erkennen. Der Gipfel bleibt knapp 400 Höhenmeter entfernt. Es wäre zu gefährlich, jetzt noch weiter zu gehen. Als die Sonne langsam aufgeht und wir in das Tal sehen, sind wir überwältigt.