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Wasser, Wind und Wellen: Angela Maurer
Facts:
Geboren: 27. Juli 1975
Geburtsort: Wiesbaden
Größe: 1,72 m
Gewicht: 57 kg
Augenfarbe: grün
Haarfarbe: braun
Beruf: Polizeikommissaranwärterin, Profi-Schwimmerin und Markenbotschafterin für arena
Hobbys: Reisen, Lesen, Fotografieren
Aktiv seit: Sommer 1983
Trainer: Nikolei Evseev
Verein: SSV Undine Mainz 08
Trainingsstunden pro Jahr: 1 800
Schwimmstrecke pro Jahr: 3 200-3 500 km
Summe: bis zum Ende ihrer Karriere wohl 60 000 km (etwa Eineinhalbfache des Erdumfangs)
Web: www.angelamaurer.de
Frau Maurer, als Mutter machen Sie sicher oft „Klimmzüge“, um allem gerecht zu werden – wie organisieren Sie den Alltag?
Mein Sohn wird im Mai sechs Jahre alt. Mittlerweile hat sich alles super eingespielt. Es ist nicht immer einfach, aber gut machbar. Morgens vor dem Training bringe entweder ich ihn in den Kindergarten oder der Opa. Bis ca. 16 Uhr ist mein Sohn – übrigens sehr gern – im Kindergarten. Abends, wenn mein zweites Training ansteht, helfen Oma und Opa aus. Mein Partner unterstützt mich auch sehr, sonst wäre es kaum möglich. Zudem haben sich Unternehmen aus Deutschland zusammengetan und unterstützen mich mit Dienst-oder Produktleistungen beim „Projekt 2012“. Hier schaffen Sie mir Freiräume, denn zum Training gehört schließlich auch Erholung, ein Mittagsschläfchen oder Massagen. Zudem absolviere ich auch noch eine Ausbildung. Das alles muss gut organisiert sein.
Sie sind seit 1983 aktive Schwimmerin – wie haben Sie die Babypause erlebt? Wie verlief der Wiedereinstieg?
Als ich im August 2004 schwanger wurde, war mein Plan vom Leistungssport zurückzutreten. Ich wollte nicht noch jahrelang weiterschwimmen, hatte mich müde gefühlt. Bis Juli 2005 habe ich pausiert, dann wieder moderat angefangen, um mich in Form zu bringen. Große Ziele hatte ich nicht. Erst als im Oktober 2005 bekannt wurde, dass die 10-Kilometer-Strecke olympisch wird, war mir klar, dass ich dabei sein möchte. Es war schon immer mein Kindheitstraum, einmal bei Olympia zu starten.
Sie machen eine Ausbildung zur Polizeikommissaranwärterin. Wie lässt sich das mit dem Leistungssport vereinbaren?
Für Wettkämpfe und Trainingslager werde ich komplett freigestellt. Wenn ich zu Hause bin, muss ich eine um die 15 Stunden pro Woche leisten, kann mir die Zeiten aber flexibel einteilen. Da es Schichtdienste gibt, bin ich auch mal von 20.30 bis 0.30 Uhr im Dienst.
Sie schwimmen im Wettkampf sowohl zehn als auch 25 Kilometer …
Mein Hauptaugenmerk liegt auf der 10-Kilometer-Distanz, weil diese seit 2008 olympisch ist. Die 25 Kilometer schwimme ich nur einmal pro Jahr. Sie helfen mir, die 10 Kilometer besser zu verkraften. Allerdings verlaufen die beiden Wettkampf-Formen völlig unterschiedlich, über 25 Kilometer schwimmt man viel ruhiger, da man doch fünfeinhalb Stunden im Wasser ist. Über 10 Kilometer ist die Konkurrenz sehr stark, da wird von Anfang an ein sehr hohes Tempo geschwommen, das auf dem letzten Kilometer nochmals verschärft wird.
Sie schwimmen 3200 bis 3500 Kilometer im Jahr – wie kann man sich Ihr Training vorstellen?
Ich schwimme an fünf Tagen zweimal pro Tag – je morgens gegen 7.30 Uhr und abends gegen 18 Uhr – und an einem Tag einmal, das macht elf Trainingseinheiten pro Woche. Je Einheit bin ich zwei bis zweieinhalb Stunden im Wasser. Dazu kommen Athletiktraining, Laufen, Radfahren und Krafttraining, so dass ich pro Woche auf ein Gesamttrainingsvolumen von 30 bis 35 Stunden komme. Übers Jahr gesehen schwimme ich 48 Wochen, vier Wochen habe ich frei – meist ab Mitte Oktober nach Saisonende. Dieses Jahr konzentriere ich mich auf die Weltmeisterschaften in Shanghai, mache weniger Wettkämpfe und kann so mehr trainieren. Mein Trainer und Lebenspartner war selbst Schwimmer. Er steht stets am Beckenrand. Ich trainiere viel selbstständig, aber auch häufig in einer jungen Trainingsgruppe. Meine Trainingslager organisiere ich selbst und versuche immer gute Trainingspartner mitzunehmen.
Trainieren Sie viel im Freiwasser?
Ich trainiere meistens im Becken. Ins freie Gewässer gehe ich nur kurz vor dem Wettkampf, um mich darauf jeweils einzustellen. Mittlerweile mache ich das ja schon ein paar Jährchen – da brauche ich nicht mehr fürs Training in den See springen, um Wassergefühl zu bekommen oder die Orientierung zu üben.
Wieso Langstreckenschwimmen, wieso freies Gewässer?
Ich war ganz normale Schwimmerin im Becken, als mich mein Schwager überredet hat, bei einem Freiwasser-Wettkampf teilzunehmen. Das war 1996! Ich habe aus einer Laune heraus mitgemacht, mich aber nicht speziell darauf vorbereitet. Als ich gleich bei meinem ersten Wettkampf Peggy Büchse geschlagen habe, war ich so begeistert, dass ich dabeigeblieben bin.
Welche Gefahren lauern im freien Gewässer?
Mitunter Feuerquallen! Oder wie kürzlich in Brasilien – da schwammen tatsächlich Holzstämme mit Nägeln drin rum. Wenn man das zu spät sieht, besteht Verletzungsgefahr.
Wie gehen Sie mit Kälte und Hitze um?
Die Temperaturen sind vom Weltverband festgelegt worden: Das Wasser muss zwischen 16 und 31 Grad haben, sonst wird der Wettkampf abgesagt. Vor nicht allzu langer Zeit ist in Dubai ein Amerikaner ertrunken, vermutlich weil das Wasser zu warm war. Ich persönlich schwimme gerne bei 24 bis 26 Grad. Temperaturen über 28 Grad sind mir eher unangenehm. Aber auch alles, was kälter als 18 Grad ist, mag ich nicht so gerne. Es gibt Möglichkeiten, sich vor Kälte ein wenig zu schützen, zum Beispiel indem man sich mit Vaseline oder Melkfett eincremt. Das hilft auch im Salzwasser gegen Scheuerwunden. Ich versuche im Sommer viele Trainingseinheiten in kälterem Wasser zu absolvieren. Unser Schwimmbad ist nur solar beheizt und hat ungefähr 22 Grad. So versuche ich mich auf kälteres Wasser einzustellen.
Welche Hilfsmittel und Anzüge sind erlaubt? Wie wichtig ist das Material?
Neoprenanzüge sind nicht erlaubt. Wir tragen Anzüge, die keine Ärmel, aber lange Beine haben. Diese Anzüge müssen aus Textilstoff sein, es muss Wasser durchdringen können. Das Material ist sehr wichtig. Ich habe zum Glück „arena“ als Sponsor, die das beste Material derzeit auf dem Markt haben. Es ist essentiell, dass man sich darin wohl fühlt.
Wie bereiten Sie sich für die verschiedenen Gewässer vor?
Kurz vor einem Wettkampf schwimme ich nochmals in dem Gewässer um mich darauf einzustellen, wie es am Wettkampftag sein könnte. Es ist aber nie eine Garantie dafür, dass es am Wettkampftag auch so ist. Man muss sich in jedem Wettkampf, in jedem Gewässer, an jedem Tag neu anpassen, das ist gerade das Interessante am Freiwasserschwimmen. Auf Strömungen kann man sich leider nicht vorbereiten und dabei kann man bei Strömungen sehr viel falsch machen. Man kann viel gewinnen, wenn man in Strömungen richtig schwimmt, aber auch viel verlieren, wenn man die Strömungen falsch einschätzt. Ich mache dafür nichts Spezielles, sondern weiß durch meine vielen Rennen, wie ich mich in welchen Situationen verhalten muss und verlasse mich auf meine Erfahrung. Meine Lieblingsbedingungen sind etwas welliges Salzwasser.
Welche Hauptfähigkeiten muss man besitzen, um ein guter Schwimmer zu werden?
Man muss bereit sein, viele Stunden trainieren zu wollen und sich quälen zu können. Man sollte Wassergefühl besitzen und sich selbst motivieren können. Dann spielen natürlich Talent und Körperbau keine geringe Rolle. Wenn man groß und schlank ist hat man gewisse körperliche Voraussetzungen, die sehr vorteilhaft sein können.
Sie sind 2009 vom Europäischen Schwimmverband zur Schwimmerin des Jahres ausgezeichnet worden – wie viel ist Ihnen diese Auszeichnung wert?
Das war meine erste Auszeichnung und sie bedeutet mir sehr viel. Ich hätte es wirklich nicht erwartet, dass ich für den Weltmeistertitel über die 25-Kilometer-Distanz ausgezeichnet werde. Normalerweise sind immer die 10-Kilometer-Leistungen wichtiger, daher hat es mich umso mehr gefreut! Das Rennen war sehr schwierig und ich musste mich ziemlich quälen, da ist es schön, wenn das honoriert wird.
Welches war Ihr größter Erfolg?
Mein größter und schönster Erfolg war, als ich 2006 das erste Mal Europameisterin über 10 Kilometer wurde. Das war bald nach der Schwangerschaft – einfach ganz oben zu stehen war ein unglaubliches Gefühl! 2006 war überhaupt mein erfolgreichstes Jahr. Vielleicht weil ich ausgeruht war und neue Kräfte entfalten konnte, mir ist alles so leicht gefallen.
Welches war Ihre größte Niederlage?
Schwer zu sagen. Ich empfinde es immer als Niederlage, wenn ich ein Rennen vorzeitig beenden muss. Das passierte zum Glück noch nicht so häufig und resultiert meist daraus, dass ich mich nicht wohl gefühlt habe oder vorher krank war. Wenn man ein Rennen beendet und nicht so gut war wie erwartet, dann analysiert man und findet überall noch irgendetwas Positives. Dann waren die anderen eben besser. Aber nicht zu beenden ist sehr frustrierend.
Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus ?
Bisher habe ich meinen persönlichen Plan nur bis zu den Olympischen Spielen festgelegt, danach muss ich sehen, wie es weiter geht. Das entscheide ich erst dann. Nach meiner aktiven Karriere freue ich mich auf jeden Fall darauf, mehr Zeit für meine Familie zu haben. Der Sport nimmt doch sehr viel Zeit in Anspruch, alles ist darauf ausgerichtet. Auch möchte ich gerne in meinem Beruf als Polizeibeamtin Fuß fassen, bin aber auch offen für alles, man muss einfach sehen, was kommt.
Vielen Dank für das sehr nette Interview und viel Glück für die kommenden Wettkämpfe.
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